3 Fragen an
Sudipta Bhadra | Internationale Arbeitsorganisation (ILO)
Sudipta Bhadra ist Teil des Decent Work for Southasia Teams der ILO sowie des Länderbüros der ILO Indien. Die ILO ist die einzige UN-Organisation, die nach dem 3-Schlüssel-Prinzip arbeitet. Seit 1919 bringt sie Regierungen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer*innen aus 187 Mitgliedstaaten zusammen, um Arbeitsnormen festzulegen, Strategien zu entwickeln und Programme zur Förderung menschenwürdiger Arbeit für alle Frauen* und Männer* zu erarbeiten.
Das ILO-Länderbüro für Indien und das Team für menschenwürdige Arbeit (Decent Work Technical Support Team, DWT) für Südasien ist ein Zentrum für fachliche Kompetenz, das alle Länder Südasiens bei der Verwirklichung menschenwürdiger Arbeit für integratives Wachstum und nachhaltige Entwicklung unterstützt.
Das indische Landesprogramm für Decent Work 2023 – 2027, das von den Mitgliedsgruppen auf nationaler Ebene im Rahmen eines dreigliedrigen Konsultationsprozesses formuliert und angenommen wurde, bildet den Rahmen für die Unterstützung der Mitgliedsgruppen in diesem Land durch die ILO. Es ist eng an die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen angelehnt.
1. Das Decent Work Programm in Indien konzentriert sich unter anderem auf die Förderung des sozialen Dialogs und menschenwürdiger Arbeit. Können Sie erläutern, inwiefern Arbeitnehmende in der Textilindustrie davon profitieren werden?
Das Programm trägt dazu bei, dass die wichtigsten Herausforderungen und Chancen in der Branche von den wesentlichen Akteuren in der Wirtschaft - den Arbeitnehmenden und Arbeitgebern - identifiziert werden und dass diese zu einem Konsens über Maßnahmen zu ihrer Bewältigung gelangen. Das Programm unterstützt die Förderung von menschenwürdiger Arbeit und verantwortungsvollen Geschäftspraktiken auf Unternehmensebene und in der gesamten Lieferkette. Außerdem fördert es die Ratifizierung und wirksame Umsetzung internationaler Arbeitsnormen, die Beseitigung von Defiziten bei der menschenwürdigen Arbeit und die Achtung, Förderung und Verwirklichung der Kernarbeitsnormen. Darüber hinaus unterstützt es die Ausweitung notwendiger individueller und kollektiver Maßnahmen, um systemische Veränderungen voranzutreiben.
Erfolgreiche Strukturen und Prozesse des sozialen Dialogs können wichtige wirtschaftliche und soziale Fragen lösen, eine verantwortungsvolle Staatsführung fördern, den sozialen und industriellen Frieden und die Stabilität vorantreiben sowie den wirtschaftlichen Fortschritt ankurbeln. In jeder arbeitsintensiven Branche, auch in der Textilindustrie, erleichtert ein starker sozialer Dialog das Verständnis für die wichtigsten Treiber und Anreize für Arbeitnehmende und Arbeitgeber. Darüber hinaus fördert er die Beilegung von Beschwerden, das Konfliktmanagement, die Lohnfindung und Tarifverhandlungen sowie gesunde und sichere Arbeitsbedingungen. Die ILO in Indien hat registrierte Unternehmen dabei unterstützt, die Zusammenarbeit am Arbeitsplatz durch verschiedene Schulungsprogramme zu fördern, indem sie Teams aus Arbeitnehmenden und Führungskräften auf Unternehmensebene zusammengestellt hat. Dies hat zu einer Verbesserung des Vertrauens, der Kommunikation und des Informationsaustauschs zwischen den Beschäftigten und zu einer höheren Produktivität geführt. Auf der Mesoebene wurden die Kapazitäten von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen (einschließlich Branchenverbänden) aufgebaut, um einen strukturierten und regelmäßigen Dialogmechanismus einzurichten und eine Strategie für die nachhaltige Entwicklung des Sektors zu konzipieren. Darüber hinaus hat sie den Beteiligten technische Unterstützung für faktengestützte Diskussionen bei der Politikgestaltung, insbesondere bei der Lohnfindung auf Makroebene, geleistet. Geschlechtergerechtigkeit und der Schutz der Rechte von Wanderarbeiterinnen sind weitere Anliegen, bei denen der soziale Dialog einen Konsens über nächste Schritte durch die Arbeitgeber in einigen Clustern ermöglichte.
2. Welchen weiteren Themen im Zusammenhang mit den Arbeitnehmerrechten in der Textil- und Bekleidungsindustrie widmet sich die ILO?
Die ILO arbeitet an der Förderung der Kernarbeitsnormen in der Baumwolllieferkette, insbesondere in den Bundesstaaten Telengana und Madhya Pradesh. Um die Nachhaltigkeit der Baumwoll- und Bekleidungsindustrie zu erhöhen, werden Kleinerzeuger*innen und Arbeiter*innen in die Lage versetzt, sich unter menschenwürdigen Bedingungen und unter Wahrung ihrer international anerkannten Freiheiten aus der Armut zu befreien. Die ILO schafft durch soziale Dialoge ein förderliches Ökosystem, das politische Entscheidungsträger*innen, kleine und mittlere Unternehmen, Erzeuger*innen und andere Akteure für die Wahrung der Arbeitsrechte sensibilisiert, die für eine produktive und nachhaltige Baumwolllieferkette erforderlich sind. Die ILO arbeitet zudem eng mit sektoralen Industrieverbänden und Verbänden auf Clusterebene zusammen, um verantwortungsvolle Geschäftspraktiken in der Lieferkette zu fördern. Auf der Mikroebene wird der Zusammenhang zwischen Produktivität und Arbeitsbedingungen aufgezeigt. Die Fähigkeit von Unternehmen zur Übernahme kooperativer Beziehungen und guter Managementpraktiken wird durch SCORE-Schulungen aufgebaut, wobei diese mit Arbeitsrechten verknüpft werden. Angesichts der weit verbreiteten Informalität auf der unteren Ebene der Lieferkette und der zunehmenden nicht-standardisierten Beschäftigungsformen in registrierten formellen Unternehmen arbeitet die ILO in Indien auch mit führenden Einkäufern und Marken zusammen, um hinsichtlich der Sorgfaltspflichten Einfluss zu nehmen und in die Entwicklung von Zulieferern zu investieren. Die Sensibilisierung für geschlechtsspezifische Fragen, insbesondere das geschlechtsspezifische Lohngefälle, die sexuelle Belästigung und die grundlegenden Einrichtungen für weibliche Beschäftigte, sind ebenfalls fester Bestandteil der Maßnahmen der ILO in Indien.
3. Vor allem Frauen im Textilsektor sind struktureller Diskriminierung ausgesetzt. Was muss sich ändern, um dies zu vermeiden?
Neben der Sensibilisierung von Mitarbeitenden und Vorgesetzten sowie Geschäftsleitungen auf Unternehmensebene sind politische und institutionelle Mechanismen erforderlich, um einen Kulturwandel einzuleiten. Dazu gehören insbesondere angemessene, erschwingliche und sichere Schlafsäle bzw. Unterkünfte für Wanderarbeiterinnen. Politische Anreize wie Subventionen für Unternehmen, die Frauen beschäftigen, insbesondere in Führungspositionen, sind ebenfalls hilfreich. Das geschlechtsspezifische Lohngefälle ist neben der Diskriminierung und Belästigung am Arbeitsplatz ein großes Problem. Schulungen vor Ort, die den Zusammenhang zwischen Produktivität und Arbeitsbedingungen aufzeigen, können den Weg für einen systemischen Wandel ebnen. Der soziale Dialog auf sektoraler Ebene wird ein wesentlicher Motor sein. Mehr und gleiche Möglichkeiten für Frauen, sich weiterzubilden, werden neben der Kollektivierung ihre Fähigkeit verbessern, ihre Rechte zu schützen und zu verhandeln. Arbeitsinspektionen und Sozialaudits können dazu beitragen, dass Frauen am Arbeitsplatz grundlegende Einrichtungen zur Verfügung stehen. Unabhängig von der Branche sind Betreuungsaufgaben eines der größten Hindernisse für die Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt, ebenso wie sichere Verkehrsmittel und Wohnheimplätze. Investitionen in die Entwicklung des Pflegesektors mit erschwinglichen und hochwertigen Einrichtungen und Dienstleistern werden die Erwerbsbeteiligung von Frauen fördern.
4. Bonusfrage: Wenn Sie eine Sache in der Textilindustrie über Nacht ändern könnten, was wäre das?
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist eigentlich ein naheliegendes Ziel, wird jedoch von vielen Unternehmen nicht praktiziert. Viele ziehen es vor, die Unsichtbarkeit und die ungleichen Machtverhältnisse auszunutzen, mit denen Frauen konfrontiert sind und die tief in der generationsbedingten und strukturellen Diskriminierung in der Gesellschaft verwurzelt sind. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit hat das Potenzial, die dringend benötigte Wertschätzung für die von Frauen geleistete Arbeit zu schaffen und andere zu ermutigen, sich aktiv um eine Beschäftigung zu bemühen. Sie wird es den Frauen auch ermöglichen, in eine bessere Lebensqualität für sich selbst und ihre Familie zu investieren und nach Möglichkeiten zu suchen, ihre Rolle als Betreuungsperson zu ersetzen.
